Ottilie Holweg

*1905 - †1991

Porträt von Ottilie Holweg

Es ist das Jahr 1905. Im tiefsten Ostpreußen ist die Zeit noch stehen geblieben, an Krieg ist nicht zu denken. Am 19.08.1905 kommt Ottilie Peters in Sömmerken, heute Sumówko nahe Rippin zur Welt. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie und wächst gemeinsam mit vier älteren Schwestern in einer Pastorenfamilie auf.

Über ihre Kindheit ist wenig bekannt. Sie verliebt sie sich in Heinrich Holweg, den jüngsten von 14 Geschwistern einer ärmlichen Bauernfamilie. Der Rest der Familie ist entsetzt, dennoch heiratet sie ihn. Gemeinsam leben sie auf einem kleinen Hof nahe Sömmerken. Bis 1944 bekommen sie sechs Kinder, Herbert, Arnold, Hertha, Dorothea, Heinrich, Edeltraut und Linhard. Neben ihnen leben auch der polnische Knecht Jannik und die Nichte Emmy, deren Eltern gestorben sind auf dem Hof. Lange ist an Flucht nicht zu denken. Heinrich kämpft an der Front, der kleine Linhard ist erst ein Jahr alt.

Doch Heinrichs Bruder August, Kreisbürgermeister und hochrangiger Nationalsozialist, erhält Januar 1945 ein Telegramm aus Berlin: Die Russen marschieren in Ostpreußen ein und können jeden Moment auftauchen. August und Ottilie vereinbaren einen Treffpunkt um sich dem Flüchtlingstreck anzuschließen. Als Ottilie, ihre Kinder,  Jannik, und Emmy dort erscheinen ist August schon über alle Berge. So schließen sie sich alleine dem langen Treck an. An der Weichsel, so erinnert sich Arnold später, versuchten viele Menschen panisch über das Eis zu fahren, doch das ist brüchig. Unzählige Wagen brechen ein und verschwinden unter der weißen Decke. Janik fährt einige Kilometer weiter, lädt alles ab und zieht den Planwagen ans andere Ufer, wo die Pferde den Wagen einen steilen Hügel hochziehen. Auch wenn der Wagen groß ist, haben längst nicht alle Platz. Die Ältesten, Emmy, Herbert und Arnold laufen, ruhen sich nur selten auf zwei angebundenen Schlitten aus. Auf dem Weg nach Gotenhafen lässt Ottilie Jannik gehen. Bald darauf werden ihnen die Pferde weggenommen. Mit Mühe schaffen sie es bis Gotenhafen. Ihr Ziel ist die Wilhelm Gustloff. In Gotenhafen fahren sie auf dem Zubringerboot in Richtung Schiff. Plötzlich drohen Fliegerangriffe, die Gustloff legt ab. Erst einige Zeit später erfährt Ottilie wie viel Glück sie hatten. Ohne Pferd und Wagen fliehen sie weiter Richtung Stettin. Kurz vor dem Ziel begegnen sie einem Judentreck. In der Nacht, die sie in einem Gutshof verbringen, kommt eine geflohene Jüdin auf den Hof gelaufen. Sie spricht deutsch. Ottilie versteckt sie hinter einem Kachelofen. Als wenige Augenblicke später Wehrmachtssoldaten auf den Hof kommen, leugnet sie die Jüdin je gesehen zu habe. Nach Stettin schaffen es aber nicht alle. Der kleine Linhard war erkrankt und stirbt kurz vor dem Ziel. Herbert und Arnold beerdigen ihn in Eiseskälte. Von Stettin aus werden sie auf die Deutschland gebracht. Ottilie gibt eine Fremde Frau als Familienmitglied an und verhilft ihr so auf das Schiff zu kommen. Mit der Deutschland wird die Familie nach Dänemark gebracht.

Nach Kriegsende finden alle wieder zusammen. Der letzte Sohn Rüdiger wird in Schwanewede geboren. Im Bremer Ortsteil Rekum schafft Vater Heinrich es mit seinen beiden ältesten Söhnen Geld zu verdienen indem er sich als Sprengmeister ausgibt und Edelmetalle aus alten Gebäuden heraussprengt. Das Geld reicht am Ende sogar für eine Neue Heimat. In Bremen lebt Ottilie in einer glücklichen Ehe mit dem einst so berüchtigten Haudegen Heinrich bis zu ihrem Tod am 10.04.1991. Der Hof in Sömmerken steht nicht mehr. Heinrich, Hertha und Emmy sind gestorben. Was aus Jannik wurde weiß heute keiner mehr. Ihre Geschichte lebt in den Erinnerungen weiter.

Das Namentuch

Namentuch für Ottilie Holweg
Entwurf und Gestaltung: Thies Elberling, Lilith Holweg und Carry Martinßen | Konfirmandengruppe St. Michael, Hamburg